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Freitag, 2. April 2010

Watchmen und Wahrscheinlichkeiten


Bevor ich zu dem komme, was ich zu sagen habe, muss ich klarstellen, dass ich „Watchmen“ für ein gutes Comic halte. Fast alles, was an einem Comic gelingen kann, das gelingt hier. Aber es wurmt mich schon ein wenig, dass es so gehypt wird, als ob es ein makelloses Meisterwerk wäre. Meisterwerk mag sein, aber makellos noch lange nicht; und ich weiß auch nicht, ob man das von einem Meisterwerk erwarten oder gar verlangen sollte: Denn gerade im Makel, in der Differenz zur Perfektion, zeigt sich doch die Person, die dahintersteht. Und so lässt sich vielleicht Kunst gar nicht ohne Makel denken.

Im Grunde habe ich zwei Dinge an „Watchmen“ auszusetzen. Beides schon am Comic, aber auf den Film lässt sich meine Kritik ebenso anwenden. Das eine, und da bin ich nicht der erste, der das erwähnt, ist der Plan des Antagonisten, welcher die Handlung in Gang bringt. Der ist Klischee pur. Ich habe keine Ahnung, wie oft ich auf diese Idee schon gestoßen bin, man kann zumindest Alan Moore zugute halten, dass er das bekannteste Beispiel dafür, die OUTER LIMITS-Episode „Architects of Fear“ im letzten Kapitel des Buches zitiert und zu der Unoriginalität der Idee an sich steht. Wobei mich selber diese Klischeehaftigkeit noch am wenigsten stört, denn wenn Alan Moore etwas kann, dann altvertraute Muster verwenden und die in ein neues Licht rücken, und auch hier gelingt es ihm.

Nein, was ich wirklich störend finde, das ist ein Loch im Plot, das nicht nur klischeehaft, sondern sogar kitschig gestopft ist; und, schlimmer noch in meinen Augen, so dass es sich nach einer ausgemacht esoterischen Botschaft anhört.

Ich rede von dem Ende des langen Dialogs zwischen Dr. Manhattan und Silk Spectre auf dem Mars. Dr. Manhattan bezeichnet Silk Spectres Geburt als „thermodynamisches Wunder“, und so wie ich den Begriff in diesem Kontext auffasse meint er: ein Ereignis, welches, auch ohne ein Naturgesetz zu verletzen, im Rahmen dieser Gesetze so unwahrscheinlich ist, dass sein Eintreffen de facto mit einem Wunder gleichzusetzen wäre.

Dr. Manhattan, der schon in seinem früheren Dasein als Dr. Osterman offenbar ein Physiker mit hoher Qualifikation war, und dessen Einsicht in das Universum nun nach seiner Transformation in einen Übermenschen so groß ist, dass er in die Zukunft blicken kann, sich und andere teleportieren, Materie schaffen und verändern...dieser Dr. Manhattan hat anscheinend nicht die geringste Einsicht in die grundliegenden Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung!

Wie hoch ist denn nun die Wahrscheinlichkeit, dass im Watchmen-Universum Silk Spectre geboren wurde? Vielleicht sollte jeder meiner Leser mal überlegen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass all seine Vorfahren sich so trafen und fortpflanzten, wie sie es taten; dass über alle Generationen hinweg bei jedem Zeugungsakt immer gerade diese von Millionen Spermazellen auf diese Eizelle traf, und ebenso sich immer diese potentiellen Vorfahren trafen, um sich weiter fortzupflanzen.

Die Lösung dieser Frage lautet: Die Wahrscheinlichkeit beträgt 100%! Etwas weniger unwahrscheinliches ist nicht denkbar. Der Leser existiert, also ist es nicht nur wahrscheinlich, sondern unabdingbar, dass all diese Prozesse zu seiner Existenz geführt haben. Ebensolches gilt für Silk Spectre.

Was weder Moore noch Manhattan bedenken: Ein Ereignis kann nur vor seinem Eintreten eine niedrige Wahrscheinlichkeit haben; und wenn es eine hohe Zahl von sich ausschließenden Möglichkeiten gibt, die alle eine geringe Wahrscheinlichkeit des Eintretens haben, sich die Summe aber auf 100% addiert, so muss eines davon eintreten, und es ist völlig bedeutungslos, welches. Man denke an die Ziehung der Lottozahlen. Mag sein, dass sich jemand darüber erstaunt, dass die 6 von ihm angekreuzten Zahlen gezogen werden; aber wundert sich irgendwer darüber, dass irgendeine Gruppe von 6 Zahlen gezogen wird? Wenn genügend Menschen Lotto spielen würden, und jeder eine andere Kombination wählt, so dass alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, einer muss gewinnen. Und tut dies mit einer Zahlenkombination, die vor der Ziehung genau so unwahrscheinlich zum Erfolg führen würde, wie die Zahlen jedes beliebigen anderen Teilnehmers. Im Moment der Ziehung verringern sich die vielen kleinen Chancen der Verlierer auf Null, ca 14 Millionen 1:14 000 000-Chancen verschwinden, aber irgendwo muss die Wahrscheinlichkeit ja bleiben; beim Sieger, bei dem sich diese 14 000 000 winzigen Chancen auf 100% sicher ansammeln. Vorher war die Chance, dass einer gewinnt 100%, nach der Ziehung ist die Chance, dass einer gewonnen hat 100%.

Auf das Argument im Watchmen-Comic bezogen: Die Existenz einer Person ist kein unwahrscheinlicher Zufall, nachdem sie begann, zu existieren. Und so einmalig jeder Mensch auch sein mag, daran ist nicht besonderes, gerade weil jeder Mensch so ist. Gäbe es die einmalige Person Herbert nicht, weil irgendein anderes Spermium etwas schneller an einer Eizelle angekommen wäre, gäbe es dafür eine andere, genau so einmalige Person. Wirklich unwahrscheinlich wäre es nur, wenn eine bestimmte, vorhergesagte Person so zustande käme; wenn also zum Beispiel unabhängig voneinander zwei absolut gleiche Individuen entstünden. Wenn man vorher wüsste, welche Lottozahlen gezogen werden.

Und warum stört es mich so, wenn einem Menschen alleine aufgrund seiner Einmaligkeit so ein besonderer Wert beigemessen wird? Weil ich da keinen Wert sehe. Das Argument besagt ja, dass jeder Einmalig ist. Gleich einmalig. Hat dann jeder den gleichen Wert? Oder nicht vielmehr plötzlich überhaupt keinen, weil er seinen Wert nicht mehr aus sich selbst, seinen Gedanken, Entscheidungen und Handlungen zu ziehen braucht? Wie so vieles im esoterischen Gedankengut zielt mir das alles zu sehr darauf ab, dem einzelnen Menschen einerseits zu sagen, dass er wichtig genug ist, dass das gesamte Universum geradezu auf seine Existenz zuarbeitete, und andererseits bietet man die Möglichkeit, keinerlei Verantwortung übernehmen zu müssen: „Ich bin nun mal so, ich kann nicht anders, und größere Mächte haben bestimmt, dass ich so zu sein habe!“

Ob diese Mächte nun Schicksal, Gott, Karma, universelle Ordnung genannt werden, egal: Diese Ausrede hält nur von der Selbstreflektion, dem dazulernen, dem Erkennen der Realität ab. Und dem Universum sind wir alle piepschnurzegal. Wir leben auf einem Planeten, der größer ist, als wir uns es wirklich vorstellen können; in einem Sonnensystem, im Vergleich zu dem unser Planet ein Zwerg ist; umgeben von 100 Milliarden solcher Sonnen in der Milchstraße, die eine von wiederum 100 Milliarden Galaxien im sichtbaren Universum ist. Und wenn sich da tatsächlich jemand einbildet, dass er für das Universum von Bedeutung ist, dann kann die Realität mit seinem Ego wohl kaum mithalten...

Samstag, 6. Februar 2010

What the #$*! Do We Believe!?

Wahrscheinlich ist es nicht für jedermann leicht zu erkennen, worauf diese Überschrift anspielt: „What the #$*! Do We (K)now!?“, einen der un-aussprechlichsten Filmtitel aller Zeiten. Er gehört zu einem Film, der in mir den Eindruck erweckte, dass wohl jeder, der ihn sieht, eine eindeutige Meinung darüber bekommen wird. Allerdings nicht jeder die gleiche.
Schließlich geht es darin um äußerst brisante Themen, wobei die Interpretation der Quantenmechanik eine immer wiederkehrende Hauptrolle spielt. Für mich war die alleinige Erwähnung des Begriffs „Wissen“ schon eine Herausforderung, mir Gedanken darüber zu machen, was die Filmemacher wohl glauben. Da der Film aus einer Unzahl von Versatzstücken besteht, die man alle einzeln betrachten könnte, um sie zu analysieren, möchte ich ein längeres und vermutlich besonders markantes, in sich abgeschlossenes Stückchen herausgreifen. Folgende Erzählung, im Film mit nachgestellten und spezialeffekte-aufgepeppten Aufnahmen illustriert:

„Hier ist eine, meiner Ansicht nach wahre, Geschichte über die Eingeborenen der Karibischen Inseln: Als sie die Schiffe von Kolumbus heransegeln sahen, sie konnten sie nicht sehen, weil sie so etwas noch nie gesehen hatten. Sie konnten sie einfach nicht sehen.
Als Kolumbus an Madras (bei diesem Wort bin ich mir auch nach mehrfachen Anhören nicht sicher, ob ich es hier richtig wiedergebe) in der Karibik landete, war keiner der Eingeborenen in der Lage, die Schiffe zu sehen, obwohl sie auf dem Horizont existierten. Der Grund, warum sie die Schiffe nicht sahen, war, dass sie im Gehirn kein Wissen, keine Erfahrung hatten, dass Klipper existierten.
Der Schamane bemerkte Wellen draußen im Meer. Aber er sah kein Schiff. Er begann, sich Gedanken zu machen, was den Effekt verursachte. Er ging jeden Tag raus und schaute. Nach einer Weile konnte er die Schiffe sehen. Nachdem er die Schiffe sehen konnte, erzählte er allen, dass da draußen Schiffe existierten. Und weil ihm alle vertrauten und glaubten, sahen sie sie dann auch.“

Jetzt ist die Frage: Glauben wir, vertrauen wir dieser Geschichte? Zunächst sollte das für jeden offen bleiben. Die Filmemacher scheinen das Ganze jedenfalls zu akzeptieren, denn zu einer irgendwie gearteten kritischen Äußerung kommt es von ihrer Seite nicht. Vom Leser meiner Zeilen und vom Betrachter dieses Filmes kann ich es allerdings nicht wissen. Glaubt er es oder glaubt er es nicht? Und wie steht es mit mir? Ich frage mich: Muss ich mich denn hier zwischen Glauben und Nichtglauben entscheiden? Oder liefert mir die Geschichte genug Material, um zu überprüfen, ob sie wahr ist? So dass mir die Entscheidung aus der Hand genommen wird, ich sie entweder glauben muß, oder nicht glauben kann.
Zunächst einmal: Könnte die Geschichte wahr sein? Das ist so ähnlich wie die Frage, könnte der Weihnachtsmann existieren? Klar könnte er. Mit leichten Einschränkungen. Sollte der Weihnachtsmann existieren, so müssten eine ganze Reihe von bisher als anerkannt geltenden Fakten als falsch eingestuft werden. Nicht zuletzt, dass Rentiere nicht fliegen können. Das wäre akzeptabel. Denn vielleicht können sie ja fliegen und sind nur in Gegenwart von Zuschauern zu schüchtern dazu. Ich behaupte nur: Wenn jemand an den Weihnachtsmann glaubt, und gleichzeitig nicht glaubt, dass Huftiere zu nichtballistischen Bewegungen aus eigener Kraft im freien Luftraum fähig sind, dann stimmt etwas mit seiner Weltanschauung nicht. Wer an den Weihnachtsmann glauben will, muss sich erstmal fragen: Bin ich bereit, meine Vorstellung der Rentiermobilität diesem Glauben anzupassen? Er täte es besser, denn sonst ergibt sich ein Widerspruch, und etwas zu glauben, das sich widerspricht...nun, damit läge man wohl falsch.
Wer diese Geschichte glaubt, muss bereit sein, alle ihrer Voraussetzungen zu glauben. Und jeden Widerspruch vermeiden, indem er diese akzeptiert. Und ich rede nicht von Widersprüchen wie „Als sie die Schiffe von Kolumbus heransegeln sahen, sie konnten sie nicht sehen...“ (Häh...?!), das sind nur Stilblüten. Legen wir mal los:
Als erstes fiel mir auf, dass auf mysteriöse Weise ein Schamane seinen Weg auf die Insel gefunden hatte. Wie denn das? Die Story beruht geradezu auf der Grundlage, dass die Inselbewohner nie zuvor Kontakt mit Europäern hatten, auch wenn das nicht explizit erwähnt wird. Denn wie sonst, als mit Schiffen größerer Bauart wären diese wohl dort angekommen? Schamanismus entspringt dem nordeurasischen Kulturkreis, nicht der Karibik. Ist das nur eine kleine Fehlformulierung? Sogar ich wäre geneigt, es als solche durchgehen zu lassen. Aber näher betrachtet ist dies die Entsprechung dazu, einen katholischen Priester „Rabbi“ zu nennen, und den Papst „Ayatollah“; dies würden die meisten Menschen selbst in einer beiläufigen Erwähnung doch als ordentlichen Fauxpas empfinden. Zumindest wirft dieser kleine Fehler schon mal die Frage auf: Wie gründlich wurde hier denn wohl recherchiert, bevor diese Geschichte das Gütesiegel des Tatsachenberichtes verabreicht bekam? Wie glaubwürdig erschiene der seriöseste Nachrichtensprecher, wenn er die neueste Meldung über Ayatollah Benedict XVI vorträgt?
Ich möchte auch darauf aufmerksam machen, dass für diese Geschichte nicht der geringste Beleg angeführt wird. Überlegen wir uns doch mal, wie diese Erzählung zustande gekommen sein muß, sollte sie wahr sein: Kolumbus liegt vor Anker; ein Eingeborener bemerkt nach einigen Tagen die Schiffe, aber eben erst nach einigen Tagen. Wenn nicht entweder der Eingeborene erfährt, dass die Schiffe bereits da waren, bevor er sie sah, oder Kolumbus mitgeteilt bekommt, dass seine Schiffe erst lange nach ihrem Erscheinen wahrgenommen wurden, haben wir keine Geschichte. Wie soll einer von beiden den jeweiligen ergänzenden Umstand erfahren haben? Auch hier ist wichtig: Basis der ganzen Erzählung ist, dass zwei Kulturen aufeinander trafen, die vorher keinerlei Kontakt hatten. Sollen diese Kulturen es geschafft haben, innerhalb weniger Tage, von mir aus sogar einiger Wochen, solange die Details aller Ereignisse noch frisch im Gedächtnis der Beteiligten sind, zu lernen, so exakt und genau miteinander zu kommunizieren, dass eine zuverlässige Basis für eine solche Überlieferung besteht?
Kommen wir also zum Horizont. Kolumbus landete, aber seine Schiffe waren am Horizont, von der Insel aus gesehen? Das erscheint mir als eine sehr eigenwillige Interpretation des Begriffs „landete“. Aber, ich gestehe es zu, das mag nicht mehr als eine weitere unglückliche Formulierung sein. Kolumbus wartete anscheinend tagelang in Sichtweite der Insel in Ruhe ab, nachdem er und seine Mannschaft wohl wochenlang auf See unterwegs waren. Kein Landgang, kein Frischwasserreserven auffüllen, keine Suche nach frischem Obst oder einem leckeren Braten. Durchaus möglich. Aber wenn Kolumbus, der ja einen Ruf als Entdeckernatur zu verteidigen hat, hier gemütlich abwartete, dann möchte ich wirklich wissen, warum? Ohne eine Erklärung dafür ist diese Geschichte zumindest so unvollständig, dass man sich fragen muss, welche Details da wohl noch untergegangen sind.
Und noch etwas zum Horizont: Wenn die Schiffe so weit von der Insel entfernt waren, dann muss der „Schamane“ schon verdammt gute Augen gehabt haben, um die von ihnen verursachten Wellen zu erblicken. Getrost kann man sagen: bessere Augen, als je irgendein Mensch sie nachweisen konnte. Selbst bei hohem Wellengang sieht der Horizont wie eine absolut gerade Linie aus. Und überhaupt: Wieso sollten ihm Wellen auf dem Meer so sehr auffallen, dass sie ihn tagelang beschäftigen? Wellen auf dem Meer sind nun wahrlich kein so ausgefallenes Phänomen. Oder will uns hier jemand weiß machen, dass die Eingeborenen bis zu diesem Augenblick aus irgendeinem anderen Grund nicht in der Lage waren, Wellen wahrzunehmen?
Und wenn man einen Klipper nicht sehen kann, weil man noch nie vorher einen Klipper gesehen hat, wäre es da nicht auch sinnvoll, anzunehmen, dass man die Wellen, die ein Klipper hervorruft, nicht sehen kann, wenn man noch nie vorher Wellen sah, die ein Klipper hervorgerufen hat? Nach welchen Regeln funktioniert das, was gesehen werden kann und was nicht?
Ist dieser behauptete Effekt eigentlich in sich schlüssig? Wenn wir davon ausgehen, dass er es ist, dann dürfte doch kein Mensch jemals irgendetwas sehen. Denn alles, was man sieht, sieht man ja irgendwann das erste Mal. Oder ist hier gemeint, dass das nur für Dinge gilt, die in ihrer Art völlig ungewohnt sind? Aber wo ist da die Grenze zu sehen? In der Regel ist eine schlichte Veränderung der Größe nichts, was eine wirkliche Neuartigkeit ausmacht. Kannten die Eingeborenen überhaupt keine Schiffe und Boote? Würde ein Fußball mit einem Durchmesser von 10 Metern für einen Bundesligafan unsichtbar? Und wie ist es hiermit: Schiffe bestanden damals aus Holzbalken. Selbst wenn jemand noch kein Schiff gesehen hat, müsste er dann nicht die einzelnen Balken sehen? Und wenn ein Matrose über die Reeling blickt, das Schiff aber nicht wahrgenommen werden kann, würde man dann nicht den frei schwebenden Oberkörper des Mannes sehen, was an sich schon ein recht auffälliger Anblick sein sollte? Wenn eine Möwe von links hinter dem Schiff vorbeifliegt, wird sie dann für den Betrachter unsichtbar, bis sie rechts davon wieder auftaucht? Entweder verschwindet sie währenddessen (wieder nicht besonders unauffällig), oder sie bleibt weiterhin sichtbar. Letzteres würde aber bedeuten, dass nicht nur das Schiff nicht wahrgenommen wird, sondern dass in der Tat ein Eingeborener durch es hindurch sehen können müsste!
Eigentlich sollte man für all diese Fragen eine Erklärung auf Lager haben, die man gewillt ist, ebenso zu glauben, wenn man die Geschichte für wahr hält. Das sind alles fliegende Rentiere dieser Erzählung. Und nur die offensichtlichsten, die mir in wenigen Minuten eingefallen sind. Meine schweren Geschütze kommen erst noch.
Denn ich frage mich auch: Wenn ein Gehirn nicht in der Lage ist, etwas unbekanntes wahrzunehmen, Bekanntes jedoch schon; wie entscheidet es denn, was bekannt ist und was nicht? Es kann diese Einstufung erst treffen, nachdem eine Wahrnehmung erfolgte. Würde man erst das sehen können, das man zuvor als bekannt identifiziert hat, dann könnte ich die Schrift, die gerade auf dem Bildschirm des Computers erscheint, während ich tippe, nicht sehen. Anders als durch sehen ist sie nicht wahrnehmbar, also wäre mein Gehirn nicht fähig, sie als sichtbar einzustufen, um sie daraufhin in meine Wahrnehmung gelangen zu lassen.
Zudem ist der Gedanke einigermaßen absurd, dass etwas unsichtbar wird, weil es unbekannt ist: Das Gegenteil ist der Fall. Das menschliche Gehirn (und überhaupt das Gehirn eines jeden höher entwickelten Tieres) ist darauf geeicht, auf Unbekanntes besonders heftig zu reagieren. Jahrmillionen der Evolution haben es so eingerichtet: Alles unbekannte ist zunächst mal eine potentielle, und gelegentlich auch reale, Gefahrenquelle. Lebewesen, die Unbekanntes besonders schnell und effizient wahrnehmen, haben einen deutlichen Evolutionsvorteil, so dass sich diese Fähigkeit weit ausbreitete und die dazugehörige Wahrnehmung immer mehr geschärft wurde.
Man stelle sich vor, man besucht zum ersten Mal einen Bekannten zuhause. Mag sein, dass er eine Katze hat, die gerade auf dem Sofa liegt. Man würde sie wahrscheinlich bemerken. Glaubt im Ernst irgendjemand wirklich, dass ihm am gleichen Ort ein Nacktmulch weniger auffallen würde, nur weil er zu den Glücklichen gehört, die noch nie zuvor einen Nacktmulch gesehen haben?
Diese gesamte Sequenz aus „What the #$*! Do We (K)now!?“ widerspricht jeder Alltagserfahrung, sie ist in sich unschlüssig, wirft Berge von ungeklärten Fragen auf, und vom Wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen gibt sie auch keinen Sinn. Warum sollte man sie also glauben?
Die Lösung dieser Frage findet sich auch in dem Anfangs zitierten Text. „Hier ist eine, meiner Ansicht nach wahre, Geschichte über...“. Das ist alles. Darum soll man das glauben: Weil jemand anderes es für wahr hält. Nicht denken, einfach glauben. Kritiklos übernehmen, was jemand anderes einem erzählt. Egal, wie weit es hergeholt ist; egal, wie schlecht es begründet ist; egal, wie konfus und widersprüchlich es sich bei näherer Betrachtung erweist.
Nähere Betrachtung, das bedeutet Skepsis. Skepsis ist nicht, wie die meisten meinen, eine ablehnende Haltung an sich...der Begriff bedeutet nichts als: Etwas gründlich und prüfend betrachten, bevor man sich seine Meinung dazu bildet (der Wortstamm findet sich auch in Begriffen wie Teleskop, Mikroskop, Periskop usw.). Und als Skeptiker plädiere ich auch keineswegs dafür, nichts zu glauben; aber wenn man schon etwas glauben will, dann soll man es doch bitte nicht blind glauben! Je gründlicher man das hinterfragt, was es zu glauben gilt, je mehr und härtere Prüfung es standhält, desto besseren Gewissens und mit begründeterer Überzeugung kann man es glauben.
Anscheinend lässt sich aber so gut wie alles gut glauben, wenn man das skeptische Denken unterlässt und es glauben möchte. Was mag die Motivation sein, dieser Geschichte Glauben zu schenken und sie weiter zu verbreiten? Das kann ich nicht definitiv wissen, da ich nicht in die Köpfe anderer Menschen blicken und ihre Gedanken lesen kann. Und im Übrigen es auch nicht für wahrscheinlich halte, dass irgendjemand dazu in der Lage ist. Nichtsdestotrotz habe ich eine Vorstellung dazu auf Lager.
Die Geschichte handelt in erster Linie von einem Mann, dem „Schamanen“, der durch seine besondere und überwiegend intuitive Erkenntnisfähigkeit Wahrheiten erkennt, von denen seine Mitmenschen nichts ahnen; denen fehlt einfach die Möglichkeit, solches auch nur wahrzunehmen, weil sie sich weigern, einen neuen Gedanken zuzulassen; erst als sie ihm blind vertrauend sich auf seine Sichtweise einlassen, sind sie selbst in der Lage, für sie bisher Unvorstellbares zu akzeptieren.
Kein Wunder, wenn ein Esoteriker so eine Erzählung gerne glaubt und sie gerne wiedergibt: In diesem Bereich gilt es geradezu als Frevel, die Worte eines „inspirierten“ Führers in Frage zu stellen, welcher Dinge erzählt, die völlig weit hergeholt erscheinen und die der Erfahrung widersprechen. Das Ganze ist ein Gleichnis, in dem der Erzähler für den „Schamanen“ steht, und der Zuhörer für die restlichen Inselbewohner, die „noch nicht so weit sind“ selbst in eine Welt jenseits der Alltäglichen zu blicken. Diese Mär vom Meer hat als Moral: Wenn jemand mit Autorität eine Behauptung aufstellt, so glaube sie. Er spricht die Wahrheit. Und so schließt sich dann der Kreis, denn auch diese Geschichte selbst kann man eben nur dann glauben, wenn man ohne zu hinterfragen glaubt, Denn ist nicht gerade ihre Unglaublichkeit der Beleg, dass der Erzähler eine große Autorität sein muss? Denn er hat sich anscheinend so sehr in die Materie vertieft, dass er von Dingen überzeugt sein kann, die weit über den Horizont des Durchschnittsbürgers hinausgehen...